Interview: Mit Links auf der Suche nach dem perfekten Schreiberlebnis

Nils Raulien

April 30, 2021
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Nils Raulien

April 30, 2021
Lesedauer: 11 Minuten
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In unserer ersten Ausgabe von Writers Passion sprechen wir mit Tim über Füller für Linkshänder, das Schleifen von Federn und welche Vorteile das Schreiben auf Papier gegenüber digitalem Arbeiten hat.
Herzlich Willkommen bei unserer ersten Ausgabe von Writers Passion, Tim! Während wir das Interview führen, bist Du in Singapur. Vielleicht kannst Du ja kurz etwas zu Deiner Person, woher Du kommst und was Du machst, erzählen.

Gerne. Ich bin Tim Leopold, bin dieses Jahr 20 und wohne gerade in Singapur, um Jura an der Universität hier zu studieren. Ich wurde in Singapur geboren und habe die ersten fünf Jahre meines Lebens in Singapur gelebt, dann in Deutschland die Schule gemacht und bin nun wieder hierher zurückgekommen, um zu studieren.

Was kannst Du uns zur „Schreibperson Tim“ erzählen?

Ich bin Linkshänder und so fing das Kämpfen [lacht] mit dem Schreiben schon ganz früh an. Vor allem, als der Füller in der Grundschule aufkam, musste man damit schreiben. Ich habe mit sehr viel Schmierei gekämpft und nur sehr ungern mit dem Füller geschrieben.

Dann fing irgendwann in der siebten Klasse meine Suche nach dem perfekten Schreibgerät an. Ich habe schon sehr lange Schreibgeräte und die ganze Stationery-Kategorie – Papier, Highlighter, einfach alles – fand ich schon immer klasse. Ich habe dann explizit nach einem perfekten Schreibgerät für mich gesucht.

Und dann wahrscheinlich explizit für Dich als Linkshänder, oder?

Ja, genau. Weil es als Linkshänder einfach sehr schwierig ist, da es beim Schreiben zum Beispiel schmiert. Ich kam dann irgendwie auf den Füller zurück. Es war ein Lamy Safari, mit dem ich dann wieder angefangen habe zu schreiben. So ein richtig knallgrüner, den ich von meiner Großmutter geschenkt bekommen habe. Ich habe dann damit eine Weile geschrieben und da ich gerne tüftle dachte ich mir: „Irgendwie muss man das doch anpassen können, dass das nicht so schmiert“. Entweder, so dachte ich mir, passe ich den Füller an, oder die Tinte und dann habe ich ein bisschen recherchiert, was man mit Füllern alles machen kann.

Das war der Anfang für mich: zu lernen, was man alles mit Federn machen kann und was für Tinten es gibt. So ging es dann sozusagen „down the rabbit hole“, wie man im Englischen sagt.

Also hat Deine Faszination damit begonnen, dass es einfach dieses große Universum gibt? Dass es viele Tinten und Federn gibt und dass das ganze System viel komplexer ist als eigentlich für Linkshänder freundlichere Möglichkeiten wie Kugelschreiber oder Bleistifte?

Ich bin auf den Füller gekommen, weil ich ihn irgendwie cool fand. Ich hatte einige Jahre keinen Füller mehr und dachte mir, ich versuche es noch mal. Dann fing diese Recherche an und ich merkte, dass man da sehr viel anpassen kann und dieser ganz kleine Teil, der einem in der Schule beigebracht wird, zum Beispiel der Füllerführerschein, der hilft Linkshändern gar nicht. Die Probleme von Linkshändern – es gibt ja Unterschreiber, Überschreiber oder Verschmierer, die einfach in der Mitte schreiben – werden gar nicht gelöst. Wenn man seine Hand bzw. seine Position anpasst, kann man diese Probleme aber schon ganz gut lösen. Und wenn man dann noch eine schöne Tinte hat und eine Feder, die der Schriftart entspricht, dann ist der Füller ein genialer Begleiter für den Alltag.

Und wenn man dann noch eine schöne Tinte hat und eine Feder, die der Schriftart entspricht, dann ist der Füller ein genialer Begleiter für den Alltag.

Was hast Du unternommen, um das Schreiben mit links besser realisieren zu können?

Das erste, was ich gemerkt habe, war ein YouTube Video über Positionen des Schreibens. Da gab es eine Differenzierung zwischen Unter- und Geradeschreibern. Ich war ein Geradeschreiber und habe deshalb immer über meine Schrift gewischt. Ich habe dann meine Schreibposition gewechselt, um wie ein Unterschreiber unter dem Geschriebenen zu Schreiben.

Das bedeutet, Du hattest als Unterschreiber Deine Hand unter dem Geschriebenen gehalten?

Genau. Das war die erste Anpassung. Dann hat mir das Schreiben mit dem Füller auf einmal richtig Spaß gemacht und ich habe angefangen, ein bisschen mit Federn zu experimentieren. So bin ich dann erstmal zu breiteren Federn gekommen und habe Goldfedern entdeckt, die ein besseres Schreibgefühl bieten. 

Sehr spannend. Hast Du nach all der Entwicklung ein Schreibgerät, das heute Dein liebstes Schreibgerät ist? 

[lacht]

Ja, ich weiß – schwierige Frage für Füllerliebhaber…

Ja, echt schwierig. Ich könnte nicht sagen, dass ich ein Lieblingsschreibgerät habe. Aber wenn ich alle außer einen weggeben müsste, würde ich meinen Pelikan M805 Demonstrator behalten.

Das ist auch einer meiner liebsten Alltagsstifte. Welche Feder hast Du in Deinem M805?

In dem M805 habe ich eine feine Feder, die von mir umgeschliffen wurde auf eine Federbreite zwischen F und M. Dieses nicht zu breite, aber nicht zu feine Schriftbild passt einfach perfekt in meinem Alltag.

Wo wir gerade beim Umschleifen sind: Wie hast Du Dir das beigebracht? Das ist ja ein sehr brisanter Bereich, denn wenn man sich einmal verschleift, wird’s schwierig.

Kurz nach meinem Lamy Safari, den ich eben erwähnt hatte, habe ich mir einen Lamy 2000 gekauft und der Lamy Safari wurde dann ein wenig zum Experimentierfüller. Dann habe ich einfach angefangen im Fountain Pen Network, bei Goulet Pens und bei verschiedensten Leuten auf YouTube zu schauen, was man alles mit Federn machen kann. Daraufhin habe ich mir Micro Mesh gekauft und einfach angefangen. Eine Lamy Safari Feder kostete damals 4,20€ oder 4,70€ und wenn da etwas schiefgegangen wäre, hätte ich einfach eine neue Feder kaufen können.

Okay, dann kann man natürlich viel experimentieren.

Ich fing dann sogar an Lamy Safari zu sammeln und hatte irgendwann über 20 Stück in allen möglichen Farben. Damit hab ich einfach losgelegt zu schleifen und alles auszuprobieren. Dabei habe ich dann auch zahllose Federn zerstört. So konnte ich aber auch feststellen, wie weit ich zum Beispiel schleifen kann, bis die Feder nicht mehr nutzbar ist. Irgendwann kennt man seinen Spielraum und so konnte ich viele verschiedene Sachen schleifen.

Dann habe ich mich später auch das erste Mal an einen teuren Füller gewagt. Das war ein Pelikan M800 in Blau-Gold mit einer M-Feder – ein Geburtstagsgeschenk, das ich immer noch habe und bis heute einer meiner Favoriten ist. Mit dem Füller hatte ich vorher nicht richtig schreiben können und die Feder entsprach nicht meinen Vorstellungen. Da dachte ich mir, es einfach mit dem Schleifen zu probieren. Ich glaube, ich habe über drei oder vier Wochenenden, insgesamt rund 50 Stunden, an der Feder geschliffen und unter der Woche beim Schreiben mit dem Füller geschaut, was mir gefällt und was mir nicht gefällt und wie ich weiter schleifen muss. Nach diesem Monat war der Füller echt perfekt. Später habe ich mit dem M800 dann auch mein Abi geschrieben.

Hattest Du denn schon eine Vorstellung davon, wie die Feder einmal werden soll, als Du angefangen hast, sie zu schleifen? Oder hast Du Dich eher von den Ergebnissen treiben lassen?

Ich wusste, dass ich etwas mit so wenig Resistenz wie möglich will – einfach super glatt und nass. Dass man viel von der Tinte sieht.

Kommen wir zum Schreiben: Du hast früh angefangen zu schreiben, aber zählst gleichzeitig zu der Generation, die mit Bildschirmen groß geworden ist. Was ist für Dich das Besondere am Schreiben?

Auf einem Bildschirm sieht man immer das Gleiche vor sich. Nur der Inhalt ändert sich. Word oder Google Notes haben immer die gleiche Schriftart.

Bei mir ist es so, dass ich mir beim analogen Schreiben Dinge besser einprägen kann.

Manchmal stellt man zwar eine Verbindung her zu dem, was man digital schreibt, aber oft ist das Ganze nicht persönlich. Für mich selber habe ich einfach eine viel stärkere Verbindung dazu, wenn ich das Geschriebene mit einem Stift auf Papier bringe – und noch stärker, wenn ich das mit einem Füller mache. Ich habe auch schon in der Schulzeit damit angefangen und nie die Verbindung zum Schreiben verloren, sodass ich nicht wie manche andere irgendetwas gebraucht hätte, um wieder anzufangen.

Aber ich glaube das, was mich so festgehalten hat und weshalb ich jetzt auch schreibe, ist diese Textur, die man hat. Dieses wirklich Echte mit einem Stift. Und die Tinte fließt auf superglattes Papier. Man hat die ganzen Nuancen der Tinte. Man hat verschiedene Federn, die zu verschiedenen Atmosphären passen. Wenn man einen Brief schreibt, nimmt man dieses, wenn man Notizen hat, nimmt man jenes. Es ist die Vielfalt und dass man direkt verbunden ist – und nicht durch eine „digitale Plane“ getrennt.

Es ist für Dich also eine Art Handwerk, bei der man die Vielseitigkeit genießen und etwas Persönliches reinbringen kann. Gibt es neben dem besseren Einprägen einen weiteren Mehrwert für Dich, wenn Du zu Stift und Papier greifst?

Ich glaube schon, nämlich dass ich Papier überall neben mir hinlegen kann und dann alles vor Augen habe. Auf dem Computer kann ich zwar einen Split Screen haben, aber das ist nicht das gleiche wie etwa zehn Blätter vor sich zu haben, die mit Farben markiert sind und man sich heraussucht, was man braucht. Es ist der Aspekt, dass man das Papier direkt vor sich hat.

Das klingt so, als hättest Du das handschriftliche Schreiben sehr gut in Deinen Alltag eingebunden. Schreibst Du manchmal auch einfach nur des Schreibens wegen oder ist das Schreiben für Dich einfach nur eine Verbindung des Nützlichen mit dem Erforderlichen?

Hauptsächlich ist es eine Verbindung von dem Nützlichen. Es gibt aber auch viele Momente, zum Beispiel wenn ich in einem Seminar oder Meeting sitze und nichts besseres zu tun habe, in denen ich mir einfach Notizen oder irgendetwas, was eine Person gerade sagt, aufschreibe. Das hat keinen Zweck – die Notizen schmeiße ich nachher vielleicht wieder weg – aber es geht einfach nur darum, dass ich etwas geschrieben habe, weil ich einfach Lust habe, meinen Pelikan oder meinen Montblanc herauszuholen und etwas zu schreiben.

Was neben Notizen schreibst Du noch? Und wie hältst Du es mit der Aufbewahrung? Hast Du so etwas wie ein Archiv?

Ich habe ziemlich lange Tagebuch geschrieben. Die Tagebücher habe ich noch. Ich habe auch Journals, die ich ab und zu schreibe. Das behalte ich natürlich alles.

Ich schreibe sehr gerne und auch viel Briefe und Geburtstagsgrüße. Die Briefe an Freunde gehen zum Teil über mehrere Seiten. Meine Freunde behalten meine Briefe und ich behalte die Briefe meiner Freunde, aber auch einige Notizen. Die Notizbücher, die ich behalte, sind hauptsächlich Journals.

Du schreibst auch gerne Kalligraphie. Wie kam es dazu?

Weil ich das Schreiben vertieft hatte und dann dabei war, meine Position und alles auf das Optimum zu kalibrieren, ist mir aufgefallen, dass manche Buchstaben mir einfach sehr mehr Spaß machen zu schreiben als andere. Da hatte ich dann meine Favoriten wie zum Beispiel das S. Es gab auch genau das Gegenteil, also Buchstaben, die ich total ungern geschrieben habe, wie E oder F, weil die so abgehackt sind. Dann habe ich angefangen zu recherchieren, was für Schriftarten und Kalligraphieformen es gibt. Ich habe auch die deutsche Kurrentschrift gelernt.

Hast Du Dir alles selber beigebracht?

Ja, alles selber beigebracht. Einfach ausgedruckt und abgeschrieben. Und ich habe, damit ich einfach schreiben kann, auch schon 20 Seiten verschiedene Buchstaben geschrieben. Dann auch die amerikanische Schreibschrift, dann die lateinische Schreibschrift. Ich habe vieles einfach ausprobiert und viele Schriften gelernt. Dann habe ich eine Zeit lang auch die gothische Schrift, die man mit Breitbandfedern schreibt, geschrieben.

Was hast Du von den verschiedenen Schriftarten, die Du gelernt hast, für Dich und Deinen Alltag mitgenommen?

Inzwischen mache ich das nicht mehr so oft, aber es war einfach interessant zu sehen, dass das Schreiben auch eine Kunst sein kann und wo sich die Schrift von einem zwischen Kunst und praktischem Nutzen einfindet. Quasi in der Mitte zwischen „wow, Du machst einen echt schönen Buchstaben, der aber 20 Minuten dauert“ und einem Buchstaben, den man kaum lesen kann. Für mich ist wichtig, die Mitte zu treffen: dass es ein schöner Buchstabe ist, der aber noch praktisch anwendbar ist.

Da sehe auch etwas sehr Besonderes beim Schreiben: Die sehr schöne Balance, die mir auch persönlich sehr gut gefällt, zwischen Handwerk und Kunst und gleichzeitig aber auch praktischem Nutzen. Also nicht so wie ein wunderschönes Caravaggio-Gemälde, das echt faszinierend ist, aber im Alltag nicht viel bringt. Schreiben ist eine Kunst, die Du mit Dir trägst, egal, wohin Du gehst. Eine Kunst die jeder irgendwie verstehen kann.

Ich finde es auch tatsächlich sehr angenehm, wenn man das Schreiben in seinen Alltag einbinden kann. Ich kenne verschiedene Personen, die in ihrem Alltag ausschließlich digital oder gar nicht am Schreibtisch arbeiten und sich dann abends nach Feierabend hinsetzen und dann einfach des Schreibens wegen schreiben. Ein größerer Genuss ist es natürlich, wenn man tatsächlich ganz konkret etwas damit anfangen kann.

Ja, da stimme ich Dir voll zu. Ich versuche es auch immer, in meinen Alltag einzubinden. Es ist einfacher, wenn man einen Grund hat.
Zum Schluss habe ich noch drei Fragen für Dich. Was war das letzte, das Du handschriftlich geschrieben hast?

Ich habe neue Tinten ausprobiert und die angeschrieben.

Gute Überleitung zur zweiten Frage: Gibt es eine gewisse Tinte, die Du Lesern empfehlen würdest? Völlig egal, ob es eine gute Everyday-Tinte ist oder irgendetwas ganz Außergewöhnliches, was man unbedingt einmal ausprobiert haben muss?

Ich bin ein Fan von unkonventionellen, aber im Alltag sehr brauchbaren Tinten. Was ich da empfehlen würde wäre etwas in der Richtung Dunkelgrün. Die Tinte, die ich nehmen würde, wäre Robert Oster Green At Night.

Dritte und letzte Frage: Was in der Schreibwelt würdest Du Dir wünschen? Das ist eine sehr offene Frage, es ist also völlig egal, ob es ein Produkt, ein Event oder irgendeine bestimmte Entwicklung wäre.

So etwas gibt’s zum Teil schon, aber ich wäre sehr dafür, es noch viel größer zu machen: Pen Meets, bei denen Leute Füller und Tinten mitbringen und man vieles einfach mal testen kann. So kann man Sachen kennenlernen, die man vielleicht nie probieren würde oder die man schon total lange einmal probieren wollte, aber sich nie kaufen würde. Dass man einfach einmal einen Zugriff auf verschiedene Schreibgeräte und Tinten hat, ohne irgendetwas bezahlen zu müssen.


Schreibgeräte aus diesem Interview:

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