Schreiben ist Brain Food: So wirst du merkfähiger, konzentrierter und geistig fit! 


January 20, 2024
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Sprache formt unser Denken – diese Vorstellung hatten bereits J. G. Herder & W. von Humboldt im 18. und 19. Jahrhundert. Später untersuchten die beiden Linguisten Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf die Sprache der Hopi in Nordamerika und belegten: Eine erlernte Sprache und der angewandte Wortschatz beeinflussen das Denken. Wenn Menschen unterschiedlich sprechen, denken sie unterschiedlich – diese bahnbrechende Erkenntnis wurde erst in den 1960er Jahren posthum als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt. Mittlerweile ist unstrittig, dass sich Denken und Sprache gegenseitig beeinflussen. Weiterführende Sprachuntersuchungen ergaben beispielsweise Zusammenhänge zwischen Sprache und kognitiver Vorstellung von Raum und Zeit, denken wir nur an die unterschiedlichen Schreibrichtungen von westlichen und arabischen Völkern!

Wechselspiel von Sprache und Denken

In den 1990er Jahren fanden die beiden Forscher Stephen C. Levinson und John B. Haviland handfeste Beweise für die Sapir-Whorf-HypotheseIhnen fiel auf, dass Personen, die Sprachen mit absoluten Richtungen (rechts, links, geradeaus …) verwenden, sich besonders gut in unbekannten Gegenden und fremden Räumen orientieren konnten. Ihre Erklärung ist: Diese Sprachen bilden und trainieren besondere kognitive Fähigkeiten der räumlichen Vorstellung

In speziellen Sprachen z. B. der Aborigines gibt es keine Richtungsangabe wie bei uns rechts oder links. Untersuchungen der beiden Wissenschaftlerinnen Alice Gaby und Lera Boroditsky ergaben folgenden Grund: Die australischen Ureinwohner erlernen von kleinauf ihre räumliche Vorstellung in Himmelsrichtungen zu denken. Daher nutzen sie Angaben wie Süd, Nord, Ost, West für alle Lebensbereiche. Das lautet wörtlich übersetzt: „Die Gabel liegt östlich deines Tellers“.

Die Schreibrichtung beeinflusst unsere räumliche Ordnung von Zeit

Die beiden Forscherinnen gingen der weiteren Frage nach, ob die unterschiedliche räumliche Vorstellung der Aborigines sich auch auf die kognitive Erfassung von Zeit auswirkt. Sie legten den Teilnehmenden Bilderfolgen vor, die jeweils einen Zeitablauf demonstrierten – z.B. der Alterungsprozess eines Menschen. Nach einer Durchmischung und Pause legten alle Aborigines die Bilderfolgen grundsätzlich von Osten nach Westen – ganz gleich, wie und wo die Testpersonen saßen. Sie wussten sich intuitiv in dem Raum zu orientieren und wo die Himmelsrichtungen waren. Europäische Muttersprachler ordneten die Bilder von links nach rechts, während Arabisch-sprechende Probanden sie von rechts nach links sortierten.

Schreiben mit Stift auf Papier trainiert Körper und Geist

Beim klassischen Schreiben mit Stift auf Papier sind insgesamt 12 Gehirnareale, über 30 Muskeln und 17 Gelenke beteiligt. Jeder Buchstabe ist individuell und erfordert andere Bewegungen. So werden die beteiligten Gehirnbereiche, Muskeln und Gelenke stimuliert und miteinander vernetzt. Wir lernen komplexe Bewegungen auszuführen mit verschiedenen Materialien wie Miene, Tinte, Stift, Papier etc. 

Die Rolle von Papier 

Wie sich Papier im Gegensatz zu digitalen Oberflächen auf den Schreibprozess auswirkt, untersuchte der Wissenschaftler Keita Umejima an der Universität in Tokyo: 2021 fand er mit seinem Team durch den Einsatz funktioneller Magnetresonanztomografie bei ihren Probanden heraus, dass Schreiben auf Papier besonders zwei Hirnregionen aktiviert: den Hippocampus für das verbale Gedächtnis und den Precuneus für imaginäre Visualisierung. Das Aktivitätslevel war bei Papier und Stift deutlich stärker als beim Verwenden eines ePen auf Touchscreen-Tastatur eines Endgeräts. 

Und noch ein Erkenntnisgewinn für Stift und Papier: Sowohl bei der Nutzung von Tablets als auch Smartphones konnte eine niedrige Gehirnfunktion beobachtet werden, da bei beiden ausschließlich gescrollt wurde – eine eintönige und damit anspruchslose Bewegung. Du kennst das bestimmt: Schreiben auf Tastaturen ist daher auch möglich ohne genau hinzusehen! Mit etwas Übung kannst du fast blind tippen, dafür bist du aber auch leichter abgelenkt und versuchst dich in multi-tasking. Versuch hingegen zwei oder drei Zeilen mit Stift und Papier zu schreiben ohne hinzuschauen! Das verlangt schon mehr Anstrengung – wenn es überhaupt gelingen kann! Denn hier fehlt die so wichtige Hand-Auge-Koordination.

Handschreiben wirkt dreidimensional 

Diese hat für den Lernerfolg eine relevante Funktion, die du besonders beim klassischen Schreiben trainierst. Professorin Mangen und Professor Velay gelangten 2011 zu der Erkenntnis, dass das Gehirn beim Handschreiben dreidimensional aktiviert wird: Die haptischen Elemente durch Stift und Papier verknüpfen sich beim Schreiben (und Lesen) eng durch das kontinuierliche Feedback ans Gehirn: Das ist einer der Gründe, warum ein Fachbuch häufig lieber in Papierversion gelesen wird als in elektronischer Form. In Papierbüchern kannst du nämlich nach Herzenslust kritzeln, unterstreichen, markieren, notieren, Haftnotizen einkleben und sogar Eselsohren hinterlassen!

Gestützt wird diese Schlussfolgerung auch von dem Neurowissenschaftler Dr. Henning Beck. Handschreiben schließt Denkprozesse ein, die beim reinen Tastaturtippen entfallen: Wir verknüpfen Inhalte mit räumlicher Vorstellungskraft. Die Dreidimensionalität entfällt auch generell beim Lesen von eBooks. Das Umblättern der Seiten, das Anfassen von Papier und seiner Oberfläche – das haptische Erleben von eBooks beschränkt sich einzig auf den Touchscreen. 

Handschreiben stärkt unsere Merkfähigkeit und unseren Fokus

Die vielbeachtete Studie The pen ist mightier than the keyboard erforschte den Unterschied des Schreibens mit Stift und Tastatur bei Erwachsenen. Die US-Forschenden, Daniel Oppenheimer und Pam Mueller, fanden 2014 heraus, dass sich Studierende durch handschriftliche Notizen die Inhalte von Vorlesungen besser merken konnten. Sie schnitten auch bei inhaltlichen Verständnisfragen besser ab als diejenigen, die mit Laptops schrieben. 

Über die Rolle von expressivem Schreiben als Therapieform bei Traumata und persönlichen Problemen, hatten wir zuvor berichtet (James Pennebaker, Erfinder der Schreibtherapie). Das US-Forschungsteam um Kitty Klein und Adriel Boals (2001) bestätigt die positiven Effekte von Schreiben auf den menschlichen Körper: Beim Schreiben mit Stift auf Papier stärkst du deinen Arbeitsspeicher (working capacity), so dass du eine höhere Gedächtnisleistung und ein besseres Erinnerungsvermögen bekommst.

Fazit

Viele internationale Untersuchungen beweisen: Klassisches Schreiben wirkt sich bei Erwachsenen positiv auf die kognitiven Fähigkeiten aus wie auch in der Studie der Hirnforscherin Audrey van der Meer von der Universität Trondheim veröffentlicht. EEG-Messungen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand grundsätzlich den sensomotorischen Teil des Gehirns aktiviert und die damit verbundenen Sinneseindrücke zu besserem Lernen und Erinnern führen. Insbesondere expressives Schreiben ist ein pures Work-out für dein Erinnerungsvermögen und Gedächtnis, wenn du es regelmäßig ausübst. Wann startest du dein kognitives Fitnessprogramm?

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